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Nachlese: Hold on_Wohin wandert die Macht?

Aktionsforschung zu Macht und Partizipation Ein gruppendynamisches Organisationslaboratorium, September 2023, PH OÖ

Christina Spaller (Leitung), Valeria Hochgatterer, Edith Jakob, Julia Rappich, Andrea Tippe


Im September 2023 fand das 7. Aktionsforschungslabor unter dem Titel „Hold on_Wohin wandert die Macht“ statt: 25 Teilnehmende und fünf Trainerinnen spannten einen Lernraum persönlich und gesellschaftspolitisch für fünf Tage auf, um aktuellen Fragen nachzugehen und forschend zu gestalten.


Denn: Wir können mitgestalten, wie wir leben wollen. Vorausgesetzt wir wissen, wie wir leben wollen und mit wem wir das wodurch erreichen können.


Im gruppendynamischen Labor wird dazu ein temporärer Lernraum eröffnet, Dynamiken im Hier und Jetzt experimentell nachzugehen, sie anzuregen, ihre Wirkung zu erleben und eigene Handlungsräume zu erproben. Dadurch werden Macht- und Partizipationsprozesse lesbar und weitere Gestaltungsmöglichkeiten sichtbar.


Hold on bedeutet ein „Warte doch mal!“, es beschreibt ein Innehalten und genaueres Erblicken gesellschaftlicher Dynamiken, die sich in Interaktionen zeigen. Im Aktions- und Reflexionskreislauf des Labors wurden folgende Fragen reflektiert und diskutiert:

  • Wie wird Macht mit wem und wodurch hier im Labor gebildet?

  • Wofür wird sie eingesetzt?

  • Was schafft Sicherheit und Freiräume?

  • Was könnten diese Prozesse gesellschaftlich verdeutlichen?

Verdeutlicht wurden diese Fragen mittels eines Forschungsdreiecks, angelehnt an das Modell des gruppendynamischen Raums (vgl. Klaus Antons / Heidi Ehrensperger / Rita Milesi: Praxis der Gruppendynamik. Übungen und Modelle, Göttingen 2019: Hogrefe, Seite 374ff).

Wir setzten eine Figuration sozialer Macht, nämlich die Koalition, in den Forschungsfokus der „Organisation von Macht“ (vgl. Wolfgang Sofsky / Rainer Paris: Figurationen sozialer Macht. Autorität, Stellvertretung, Koalition, Frankfurt/M. 1994: Suhrkamp). Nach der langen und leidvollen Phase des social distancing schien es uns besonders bedeutsam, Koalition als mögliches Muster der Ordnung sozialer Beziehung zu untersuchen. Koalitionsbildungen werden getragen von einem vertrauensvollen Miteinander, das beeinflusst wird durch Kategorien der Zugehörigkeit, also auch vom gesellschaftlichen Status im Hier und Jetzt. Statusfragen richten sich möglicherweise auf implizite Annahmen, mit wem man im Raum sich zusammengehörig wähnt, welche möglichen Privilegien damit verbunden werden und welche Hoffnung sich dadurch verwirklichen könnte.


In den experimentellen Interaktionen der Großgruppe, getragen von Vertrauensbildung und Verletzlichkeit, entstand so ein kollektiver Möglichkeitsraum, mit wem man hier etwas hoffen und in die Welt bringen kann, mit wem man hier und im Dann und Dort sich in Verbindung setzen kann, um Ideen, Fragen, Anliegen zu gestalten. Die Ergebnisse dieser Überlegungen wurden auf Rolling-Pinboards analog gepostet und in Folge auf Postkarten am Ende des Labors nach außen an Personen und Institutionen adressiert und gesendet.


Die Postkarten sollten den Teilnehmenden die Adressierung ihrer Ergebnisse, Wünsche, Erkenntnisse, eine Möglichkeit der Koalition, eine Aktion ermöglichen. Dabei gab es auch für den Trainerinnen-Staff noch eine nachträgliche Überraschung - eine Postkarte wurde von einer:m Teilnemer:in im Raum versteckt. Beim Zusammenräumen haben wir sie gefunden! Darauf steht folgender Text:

„Liebe Leser:in! Wenn du andere motivieren willst für eine Sache mitzumachen, sei nicht traurig und resigniert, wenn nicht gleich alle mitmachen. Ermögliche die Durchlässigkeit von innen:außen und halte die Dynamik aufrecht!“

Wer immer das an uns als Leser:innen adressiert hat: Danke dafür!


Die Postkarten-Zitate stammen von

  • Vaclav Havel, der als Autor, Menschenrechtler, Mitbegründer der Charta 77 und Politiker, der in seinen Essays immer wieder zur Frage der „Macht der Machtlosen“ publiziert hat.

  • Ernst Bloch, sein Werk „Das Prinzip Hoffnung“ sagt, Hoffnung ist als Fähigkeit zu erlernen: durch Träumen, Spielen, Probieren.

  • Sonja Gaskel, lithauisch-niederländische Tanzpädagogin, die 1921 vor den russischen Progromen gegen Jüd:innen nach Palästina floh, sich vor dem Nazi-Regime in Amsterdam versteckte und nach Kriegsende am Dutch National Ballet innovativ leitend tätig war.

  • Elias Canetti, bulgarisch-britischer Nobelpreisträger, Autor von „Masse und Macht“, einem sozialpsychologischen Thema, mit dem er sich ein Leben lang beschäftigte.

  • Nadja Tolokonnikova, eine Gründerin der Band „Pussy Riots“, die als feministisch-aktionistische Widerstandsgruppe öffentlich wirksam gegen autoritäre Regimes arbeitet.

  • Hilde Domin, deutsch-jüdische Schriftstellerin - sie empfand sich als Gratwanderin mit viel Welt, aber wenig Boden unter den Füßen, langjährige Flucht und Exil während des Nationalsozialismus; 1959 publizierte Hilde Domin mit über 50 Jahren ihren ersten Gedichtband „Nur eine Rose als Stütze“.


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